Willkommen in der eGovernment-Hölle

Das alte Auto ist kaputt und verschrottet. Jetzt muss der Blechhaufen nur noch bei der zuständigen Kraftfahrzeugebehörde abgemeldet werden. Gut, dass es dafür eine tolle eGovernment-Infrastruktur gibt! Leider funktioniert sie ungefähr so gut wie die Fertigstellung des Hauptstadtflughafens BER oder die Demokratie in Nordkorea.
Ein Erfahrungsbericht von Hauke Gierow

mit eGovernment-Diensten entgegenkommen und ihnen einen besseren Service bieten. Doch neben der recht geringen Verbreitung der Dienste stehen veraltete Software und schlechte Erklärungen der Angebote einem guten Erlebnis im Wege. Die eigentlich simple Abmeldung eines Pkw jedenfalls funktionierte online trotz Lesegeräts und PIN nicht.

Zunächst einmal muss ich bei meinem Ausweis die eID-Funktion des neuen Personalausweises nachträglich aktivieren lassen – das hatte ich nach unzähligen Berichten über Sicherheitsprobleme bei der Erstellung erst mal nicht getan. Mittlerweile nehmen die Institutionen des Staates den Bürgern diese Entscheidung netterweise ab, um die Verbreitung der eID zu steigern. Grundsätzlich könnte man das Problem natürlich auch von der Angebotsseite aus angehen – also mehr Dienstleistungen online anbieten und damit ein attraktives Angebot schaffen – aber das ist natürlich eine andere Diskussion.

Gesagt, getan – das Bürgeramt aktiviert die Funktion beim erstaunlich kurzfristig vergebenen Termin für einen Unkostenbeitrag von sechs Euro. Weil ich mir sicher bin, dass die PIN und TAN, die mir trotz deaktivierter eID-Funktion bei der Erstellung des Ausweises zugesendet worden waren, nicht mehr auffindbar sein werden, lasse ich mir noch eine neue PIN geben. Macht noch mal sechs Euro.

Lesegerät – deluxe oder einfach

Nächster Schritt: ein passendes Lesegerät. Also auf zu Saturn, die verschiedenen Geräte checken. Gemeinsam mit netten Mitarbeitern mache ich mich auf die Suche – besonders oft scheinen die Geräte nicht nachgefragt zu werden. Letztlich bleiben mir zwei Optionen, beide vom Hersteller Reiner SCT. Ein Basis-Lesegerät ohne Display oder PIN-Pad für rund 30 Euro oder die Pro-Version, die irgendwie auch Online-Banking können soll, für mehr als 60 Euro. Ich entscheide mich für die Basisausführung.

Zu Hause kann es jetzt also losgehen mit diesem eGovernment. Die Verpackung des Lesegeräts verspricht mir, dass ich direkt loslegen könne. Doch nachdem ich das Gerät an meinen Windows-10-Rechner angeschlossen habe, passiert erst mal nichts. Irgendwo in der Beschreibung findet sich dann doch noch der Hinweis, dass Windows 10 spezielle Treiber benötige, die ich unter einem aufgedruckten Link abrufen könne. Leider funktioniert dieser nicht. Eine kurze Google-Recherche liefert dann doch noch einen funktionierenden Link, der sich allerdings auf einer anderen Webpräsenz von Reiner SCT befindet. Immerhin ist der Download per HTTPS abgesichert.

Jetzt kann’s aber losgehen – oder? Schließlich wurde mir versprochen, dass ich keine weitere Software benötigen würde. Also auf die Seite des Kraftfahrzeugamtes Berlin und die Online-Dienstleistung starten. Dazu soll ich einen kleinen Button mit dem eID-Symbol anklicken, um die Authentifizierung zu starten. Der Klick führt mich allerdings auf einen offenbar nicht existenten lokalen Webserver unter Localhost, der auf Port 24727 läuft (127.0.0.1:24727). Weitere Erklärungen gibt es nicht, es funktioniert nur einfach nicht. Das Browserfenster bleibt also leer, statt eGovernment gibt es nur 404.

  • Irgendwie doch eher beunruhigend... (Screenshot: Hauke Gierow)

Also zurück zu Google. Ah – es braucht also offensichtlich doch noch weitere Software. Mir wird eine Java-App zum Download angeboten, schon schwant mir Böses. Aber was tut man nicht alles, um unnötige Termine außerhalb der Wohnung im grauen Dezemberwetter zu vermeiden. Die App ist also installiert, der Vorgang neu gestartet. Und der Klick auf das eID-Symbol führt ein kleines bisschen weiter.

Allerdings nicht viel. Denn auf dem Bildschirm erscheint in einem neuen Fenster eine nicht weiter bezeichnete TLS-Warnung. Konkret heißt es: „Internal TLS-Error, this could be an attack“. Warum ausgerechnet das deutsche eGovernment Englisch mit mir spricht, wird nicht ganz klar, aber hey, immerhin steht dort nicht mehr SSL. Man erfreut sich ja mittlerweile an den kleinen Dingen! Weitere Erklärungen gibt es nicht, der mündige Bürger muss sich die elektronische Regierung also weiterhin selbst erklären.

Der Wahnsinn geht in die zweite Runde

Also schon wieder zurück zu Google. Offenbar gibt es eine neuere Version der App – die AusweisApp2. Diese basiert auch nicht mehr auf Java, sondern auf dem Qt-Framework. Fortschritt! Laut Github-Repository unterstützt der Client für die TLS-Verschlüsselung allerdings das unsichere RC4, was nicht wirklich für die Software spricht.Also erneut installieren, Prozess neu starten. Und siehe da: Ich kann die Smartcard-Funktionen meines Ausweises nutzen, meinen Namen und meinen Wohnort aus dem System auslesen und der Webseite rechtssicher übergeben.

Und es geht abwärts. Denn weiter unten soll ich Codes vom Kennzeichen eingeben, die nach dem Entfernen der Siegel auftauchen. Diese sehen von der Schriftgröße in etwa so aus wie Menüs auf einem 4K-Display in einem alten Betriebssystem, das keine automatische Skalierung vornimmt. Geschätzte Schriftgröße: 5 Punkt. Lupe raus! Also gebe ich jeweils den ganzen Code ein. Leider falsch. Denn von den jeweils (Kennzeichen vorne und hinten) angezeigten sieben Stellen sollen es dann doch jeweils nur drei sein. Welche, das muss ich mir offenbar selbst ausdenken.

Bei dem ebenfalls einzugebenden Code von der Zulassungsbescheinigung, Teil I, sollen es dann hingegen wieder alle Stellen sein. Kohärenz FTW! Auch das Kennzeichen muss komplett eingegeben werden. Nachdem dann alles eingetragen ist und alle Fehlermeldungen erfolgreich bekämpft sind, klicke ich hoffnungsvoll auf den Weiter-Button. Werde ich gleich meine erste eGovernment-Handlung getätigt haben?

Der Server vom Kraftfahrtbundesamt hat schon Feierabend

Die Antwort ist: nein. Denn irgendwie kann der Server des Kraftfahrzeugbundesamtes nichts mit meinen Daten anfangen. „Datensatz nicht gefunden.“ Auch zu späteren Zeitpunkten lässt der behördliche Datenspeicher sich nicht erweichen, seine Informationen zu teilen. Eventuell habe ich aber einfach außerhalb der Dienstzeiten des Servers angerufen.

Bleibt also doch nur der analoge Termin bei der Kfz-Zulassungsstelle in Berlin. Denn sind die Codes am Kennzeichen einmal entfernt, dürfen normale Bürgerämter keine Abmeldung mehr vornehmen – weil sie nicht einsehen können, ob der Code eventuell von der Polizei entfernt wurde. Wirklich logisch ist das zwar nicht, aber sei’s drum. Im Kfz-Amt erwähne ich die Probleme beim eGovernment.

Quelle

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